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Die Republik der Schilder und Regeln

09.06.2026
Deutschland ist ein Land der Möglichkeiten. Vor allem der Möglichkeit, etwas falsch zu machen.

Wer morgens das Haus verlässt, begibt sich auf eine Art Schnitzeljagd. Überall warten Hinweise, Verbote, Gebote und Vorschriften. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Zahl der Schilder schneller wächst als die Zahl der Bäume. Während andere Länder neue Industrien entwickeln, perfektionieren wir die Kunst, einen Pfosten mit einem weiteren Schild zu versehen.

Besonders spannend wird es dort, wo Regeln und Alltag aufeinandertreffen. Der Alltag ist bekanntlich unordentlich, die Regel dagegen liebt die klare Linie. Wenn beide kollidieren, gewinnt meist die Regel. Sie hat schließlich den längeren Atem – und ein Formular.
So kann es vorkommen, dass Orte, die offensichtlich für einen bestimmten Zweck geschaffen wurden, genau für diesen Zweck nicht genutzt werden dürfen. Der gesunde Menschenverstand steht dann ratlos daneben und fragt höflich, ob er noch gebraucht wird. Die Antwort erhält er meist schriftlich innerhalb von sechs bis acht Wochen.

Natürlich sind Regeln notwendig. Ohne sie würde Chaos herrschen. Die Frage ist nur, ob zwischen „keine Regeln“ und „Regel für jede denkbare Lebenslage“ nicht noch ein kleiner Bereich existiert, den man Vernunft nennen könnte.
Viele Bürger wünschen sich keinen Staat, der wegschaut. Sie wünschen sich einen Staat, der hinschaut und dabei erkennt, was er sieht. Einen Staat, der nicht jeden Einzelfall behandelt, als wäre er eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung, sondern gelegentlich akzeptiert, dass das Leben komplizierter ist als ein Verwaltungsvordruck.

Vielleicht liegt die wahre Herausforderung unserer Zeit deshalb nicht darin, weitere Vorschriften zu erfinden. Vielleicht besteht sie darin, den Mut aufzubringen, an manchen Stellen auf das zu vertrauen, was Generationen vor uns schlicht „Augenmaß“ genannt haben.
Bis dahin bleibt dem Bürger immerhin die Gewissheit, dass er niemals allein ist. Irgendwo gibt es immer ein Schild, das auf ihn aufpasst.
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